Belastungs-Beanspruchungs-Modell

Im Grundmodell der Arbeitswissenschaft, dem Belastungs-Beanspruchungs-Modell (Rohmert & Rutenfranz 1975), welches die Zusammenhänge zwischen der Arbeitssituation und der Wirkung auf die arbeitende Person beschreibt, versteht man Belastungen als Einwirkungsgrößen bei der Arbeit und Beanspruchungen werden als Auswirkungen beim Menschen betrachtet. Neben Höhe und Dauer der Einwirkung werden die individuellen Fähigkeiten der arbeitenden Person berücksichtigt. Dieses Ursache-Wirkungs-Modell war lange Zeit vorherrschendes theoretisches Modell im Bereich der Arbeitssicherheit, insbesondere bei der Betrachtung der physischen Belastungen und wurde durch die Normgeber folgendermaßen definiert: Definiert wird der Begriff Belastung und Beanspruchung durch Normgeber: (DIN EN ISO 6385 Teil 3): „Arbeitsbelastung ist die Gesamtheit der äußeren Bedingungen und Anforderungen im Arbeitssystem, die auf den physiologischen und / oder psychologischen Zustand einer Person einwirken.“ „Arbeitsbeanspruchung ist die innere Reaktion des Arbeitenden auf die Arbeitsbelastung, der er ausgesetzt ist und die von seinen individuellen Merkmalen (z. B. Größe, Alter, Fähigkeiten, Begabungen, Fertigkeiten usw.) abhängig ist.“
Belastung ist im arbeitswissenschaftlichen Kontext entgegen dem Alltagsverständnis wertneutral zu verstehen. Die Beanspruchung, als die kurzfristige Wirkung von Belastungen, kann nach diesem Modell einen anregenden, aufwärmenden und trainierenden Effekt haben und damit positive Auswirkungen. Sie kann ebenso einen negativen, ermüdenden, verschleißenden Effekt haben.

Langfristig kann damit entweder Wohlbefinden, die Entwicklung der Kräfte und Fähigkeiten des Menschen sowie Gesunderhaltung oder aber eine Störung des inneren Gleichgewichts, Leistungsminderung, Gesundheitsbeschwerden und Erkrankung die Folge sein. Fehlbelastungen im Sinne von Über- oder Unterforderung führen auf Dauer zu Fehlbeanspruchung, und die Gefahr von Gesundheitsschäden ist gegeben.
Dieser Zusammenhang gilt grundsätzlich für körperliche als auch psychische Belastungen.
Nach der Norm DIN EN ISO 10075-1 ist die „psychische Belastung die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken“. Als psychisch werden die Aspekte kognitiver (mentaler), sozialer, emotionaler sowie physiologischer (Lärm, Beleuchtung) Einwirkungen verstanden.

Die psychische Beanspruchung ist die unmittelbare und nicht langfristige Auswirkung der psychischen Belastung beim Menschen in Abhängigkeit von seinen individuellen Voraussetzungen und seinem Zustand.
Das Belastungs-Beanspruchungs-Modell wird wegen seines mechanistischen Verständnisses kritisiert, denn es berücksichtigt weder Wechselwirkungen, zeitliche Veränderungsdimensionen noch komplexere psychosoziale Einwirkungen ausreichend. Die Bedeutung der organisationalen Ressourcen – neben den individuellen Ressourcen eine andere wichtige Ressource – wird in diesem Modell nicht mit einbezogen.
Die arbeitswissenschaftliche Sicht überträgt das Belastungs-Beanspruchungs-Modell auch auf die psychischen Zusammenhänge. Wirkungszusammenhänge zwischen psychischen Einwirkungen bei der Arbeit und Gesundheit bzw. Erkrankungsgeschehen wurden vor allem auch im Rahmen der Stressforschung untersucht. Hierbei entstanden weitere ergänzende Erklärungsmodelle in den siebziger bis neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

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